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Es sind die Menschen,
die den Standort Ostbelgien so attraktiv machen.

Zu Besuch bei Ludwig Henkes, Präsident des ostbelgischen Allgemeinen Arbeitgeberverbandes

Seit 2005 lenkt er die Geschicke des AAV.  Mit 46 Jahren wurde er zum Nachfolger von Gerd Kalscheuer in diese verantwortungsvolle Position gewählt.
Dass er sein Amt ernst nimmt erfährt jeder, der seine Reden hört oder seine Beiträge liest.  Tiefgang und Feingefühl zeichnen sein Gespür für die ehrliche Wertschätzung schaffender Menschen aus.
Seine unkomplizierte Art, seine gelebte Bodenständigkeit und ansteckende Begeisterung für optimale Leistungen (“Wir spielen in der 1.Liga!”) machen aus ihm die Idealbesetzung für den ostbelgischen Arbeitergeber-Chef.
Grund genug für GoEast.be mal nachzufragen, wie er die wirtschaftliche Lage in Ostbelgien einschätzt.
Harald Mathie und Erwin Kirsch waren am 10. Januar 2007 bei ihm zu Besuch.




Wo sehen Sie, Herr Henkes, die Stärken und Schwächen der Region Ostbelgien?

Zu den Stärken zähle ich an erster Stelle die Mehrsprachigkeit unserer Bevölkerung, die sich Tag für Tag als enormer Vorteil erweist.
Wenn man bedenkt, dass unsere Nachbarn in den angrenzenden Regionen und Ländern diesem Thema nicht so viel Bedeutung beimessen, liegt hier ein entscheidender Vorteil für unsere Menschen.
Die gute Ausbildung möchte ich an zweiter Stelle erwähnen. Nicht nur Schulen, deren Lehrkräfte und Programme sind positiv zu bewerten, auch die mittelständische Aus- und Weiterbildung in den Betrieben ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass gerade dieser Zweig der Ausbildung bis zu sieben mal mehr hier als z.B. in der Wallonie, genutzt wird.
Der soziale Frieden wäre die dritte wertvolle Komponente: Wir sprechen mit den Gewerkschaften, sind nicht “wie Katz und Hund” und auch der Arbeitgeber wird nur ganz selten als “Feind” der Arbeitnehmer gesehen. Das passt zusammen mit der Verpflichtung darauf zu achten, dass dieses gute Nebeneinander auch so erhalten bleibt.
Wir haben viele Vorteile mit in die Wiege gelegt bekommen. Unsere Vorfahren haben durch ihre bewegte Geschichte so manches Schicksal ertragen und sich immer wieder aufrichten müssen. Auch die ländliche Region hat die Menschen gelehrt, auf sich alleine gestellt zu sein und mit maßvollen Ansprüchen vorlieb zu nehmen. Diese Prägung überträgt sich bis heute auf die neuen Generationen. Die Tatsache, dass wir nie eine ausgesprochene Industrieregion waren und wir die unangenehmen Folgen der Krisen etc. nicht miterleben mussten, dass wir eher landwirtschaftlich und mittelständisch geprägt sind, ist uns wirtschaftlich nie zum Nachteil geworden. Die Menschen im Lütticher Becken haben da zum Beispiel die viel schlechteren Erfahrungen machen müssen.
Es geht uns relativ gut.

Eine Schwäche wäre es, diese Pluspunkte zu überschätzen, die Sorge um deren Erhalt nicht ernst genug zu nehmen und leichtgläubig aufs Spiel zu setzen.
Wir können von Glück reden, sozusagen keine Familien aufzählen zu müssen, in denen der Vater schon in der dritten Generation arbeitslos ist und er seinen Kindern in Sachen Arbeit nie ein Vorbild sein konnte.
Die Gefahr, unsere Stärken zu überschätzen und die täglichen Herausforderungen nicht ernst genug zu nehmen, könnte zu einer Schwäche ausarten.
 
Unsere kleine ostbelgische “Einheit” stellt auch manchmal ein Problem dar. Es fehlt uns hier und da im physikalischen Sinn an “kritischer Masse”. Es gelingt uns deshalb nicht immer effizient zu sein. Wir müssen mit unserer Kleinstadt-Kapazität eine ganze Menge großer Aufgaben bewältigen, manchmal ohne ausreichende Infrastruktur und ohne entsprechend qualifizierte Menschen. Hoffentlich überschätzen wir uns da nicht. Ratsam wäre es regelmäßig über den Zaun zu schauen, von anderen lernen und deren Erfahrungen optimal zu nutzen.


Welchem der auf der Titelseite der Website erwähnten ostbelgischen Standortvorteilen stimmen Sie am meisten zu?

All denjenigen, wo das Können und die Vielfalt unserer Menschen am meisten zum Ausdruck kommen.
Günstige geografische Lage oder hervorragende Infrastruktur schreiben sich auch andere Regionen auf ihre Fahne.


Welchen Standortvorteil würden Sie aus Ihrer persönlichen Erfahrung dieser Liste hinzufügen?

Die hohe Leistungsfähigkeit unserer Menschen macht den Standort Ostbelgien besonders wertvoll. Das ist die gute Basis, die es zu erhalten gilt und an der alle Entscheidungsträger und nicht zuletzt jeder Einzelne von uns Tag für Tag mitgestalten muss. Es sind die Menschen, die den Standort Ostbelgien so attraktiv machen.




Was ist an der Leistungsfähigkeit der Menschen in Ostbelgien besonders?

Neben der selbstverständlichen Mehrsprachigkeit sind es auch Fleiß, Innovationsgeist und Schaffensfreude, die das Denken und Handeln der Ostbelgier prägen.


Welche sind Ihrer Einschätzung nach die größten Hindernisse für eine bessere wirtschaftliche Entwicklung Ostbelgiens?

Wir haben zu wenig Leute vor Ort. Ostbelgien kann nicht immer genug bieten, um möglichst viele Kräfte “festzuhalten”, damit sie hier ihre Lebensziele verwirklichen und mit ihrer Familie ansässig werden oder bleiben. Junge Talente machen nach ihrer Ausbildung mangels fehlender Angebote einen Bogen um Ostbelgien und versuchen sich in angrenzenden Regionen und Städten oder sonst wo im Ausland nieder zu lassen.
 
Die Tatsache, dass hiesige Unternehmen je nach Standorteinschätzung durch Politik und Verwaltung nicht wie anderweitig in den Genuss von Subsidien und Hilfen gelangen, spricht nicht gerade für den Standort Ostbelgien. Das hier ausbleibende Geld würde mit Sicherheit größtenteils wieder in die Betriebe fließen und für deren Fortschritt und den Erhalt der Arbeitsplätze nützliche Verwendung finden.  Unternehmer in Ostbelgien fordern nicht unbedingt Beihilfen, möchten aber auch nicht ihren Nachbarn gegenüber benachteiligt sein.


Wie sehen Sie die wirtschaftlichen Chancen Ostbelgiens im europäischen Vergleich, bzw. bezogen auf die zentrale geografische Lage?

Wir sollten uns mehr im Fokus der Großregionen Euregio Maas-Rhein und SaarLorLux sehen. Diese “Umgebung” passt größenmäßig gut zu uns.
Hier können unsere zentrale Lage, die Mehrsprachigkeit und der erfahrene Umgang mit unserem grenzenlosen Denken von echtem Vorteil sein. Hier sollten wir uns weiterhin behaupten und die vielfältigen Trümpfe unserer Region in die Wagschale werfen.
Europäisch gesehen sollten wir, so denke ich, bescheiden bleiben. Ein allzu auffällige Behauptung in diesem Rahmen wäre nicht angemessen, es gibt da schon noch einige andere Regionen... was aber nicht bedeuten will, dass hiesige exportorientierte unternehmerische Initiativen in Richtung Europa und Welt nicht weiter gepflegt und zielstrebig ausgebaut werden sollen.


Wie schätzen Sie die außergewöhnliche politisch-strukturelle Konfiguration Ostbelgiens in Bezug auf die Wirtschaft ein?

Während Unternehmer sich mit ihrem Kerngeschäft befassen, können sie hier gleichzeitig auf gut durchdachte und dynamische Strukturen zurückgreifen. Dabei sind kurze Wege von echtem Vorteil. Entscheidungsträger in Wirtschaft, Politik, Ausbildung und sonst wo in der Gesellschaft kennen sich und reden unkompliziert miteinander. Dieser Umstand birgt aber auch die Gefahr der “gezwungenen Rücksichtsnahme”. Auch wenn man sich gut kennt, sollte ein gesundes Maß an Zivilcourage im Umgang und in der Wertschätzung miteinander üblich bleiben.
Es entstehen oftmals ungewollte Abhängigkeiten und Seilschaften, die nicht förderlich sind. Bei uns wird man doch schnell mal zum Richter und “Gerichteten”.
Wir können uns einen Maßanzug zum Preise eines Anzuges von der Stange schneidern. Das ist eine beachtliche Chance für unsere kleine Gemeinschaft und deren überschauliche Größe.


Noch einige etwas “persönlichere” Fragen:
Gibt es in der Unternehmerwelt noch Ideale oder ist alles nur noch auf Konsum, Rendite und möglichst ertragreiche Aktienkurse ausgerichtet?

Ich kenne viele Unternehmer mit beispielhaften Idealen. Die Globalisierung nimmt oftmals wenig Rücksicht auf die Menschen. In Ostbelgien ist das doch meistens ganz anders. Hier wird auch dann, wenn es einem Betrieb mal nicht so gut geht, immer noch Rücksicht auf seine Mitarbeiter genommen. Es ist doch vielfach so bei uns, dass auch noch in solchen Fällen ein Maximum getan wird, um die Arbeitsplätze zu erhalten.
Für viele Arbeitgeber ist Geldverdienen eben nicht alles. Die Mitarbeiter in den Betrieben sollten wissen: „Auch Unternehmer wollen geliebt werden!“
 
Wem ist zum Beispiel bekannt, dass sich zehn erfolgreiche Unternehmer in Ostbelgien seit über einem Jahr, unter Leitung von Prof. Dr. Guido Meyer (Theol. Fakultät TH Aachen), mit den Zehn Geboten und ihrer Anwendung in der Wirtschaft befassen?
Die Unternehmer sind meines Erachtens gut beraten, öfters mal “ideale” Gedanken zu wagen, sich an beispielhaften anderweitigen Erfahrungen zu orientieren und soziale Courage vorzuleben.
 
Was mich anbetrifft, darf ich behaupten, ein gewisses Desinteresse am Geld zu haben. Es macht viel mehr Spaß mitzuerleben, wie Investitionen im Betrieb ihre Früchte tragen. Vielleicht trägt auch die Absicht Mitarbeiter nicht zu entmündigen und ihnen eine Menge zuzutrauen, zum Erfolg unseres Unternehmens in Eupen bei.


Welche Themen werden die Unternehmen und Menschen in den kommenden Jahren vorrangig beschäftigen? Womit müssen wir uns Ihrer Einschätzung nach unbedingt auseinandersetzen?
 
Die alternde Bevölkerung ist wohl das vorrangigste Problem der Zukunft. Wie lange können wir uns diese neue Gesellschaft leisten? Eine längere Lebensarbeitszeit wird wohl auch bei uns die unmittelbare Folge sein. Anders können wir die Kosten dieser neuen Situation wohl nicht bewältigen. Die Alterspension rückt ein Stück weiter in die Ferne, was wiederum vielen Menschen ständiges Lernen und mehr Anpassungsfähigkeit, auch im fortgeschrittenen Alter, abverlangen wird.

Wird das uns schaden? Sicher nicht, spüren wir doch heute schon in vielen Branchen Anerkennung für Kompetenz und Erfahrung, indem Arbeitsplätze für ältere Menschen mit neuem Respekt bedacht werden. 50 oder 60+ sind ab sofort kein Hindernis mehr, sondern vielmehr eine Chance. Viele Arbeitgeber haben dies längst erkannt und machen damit gute Erfahrungen.


Welche der in Ostbelgien angebotenen Aktivitäten nutzen Sie am liebsten?

Theater und Kabarett gehören zu meinen Freizeitbeschäftigungen. Mein Interesse für Kunst und Kultur sind ein schöner Ausgleich zum unternehmerischen Alltag.  


Ihr Schlusswort zum Jahresempfang 2006 der IHK und des AAV ...
“Lassen Sie mich mit einem Zitat von Albert Einstein enden: ‘Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.’ Nach vorne sehen, die Herausforderungen unserer Zeit und der Zukunft annehmen, das eigene Schicksal in die Hand nehmen, aktiv die Gesellschaft mitzugestalten, offen für Menschen aller Altersgruppen und Schichten sein...”
... hat uns bewogen, Ihnen heute unseren Beitrag zur aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft, unsere unternehmerische Initiative “GoEast.be hat Zukunft!” vorzustellen.
Was schätzen Sie besonders an diesem Projekt?


Die Tatsache, dass das Projekt von Unternehmern gestaltet wurde, passt in meine Überlegung, dass wir alle zusammen etwas gestalten und nicht warten müssen, bis dass uns staatliche Initiativen etwas vorgeben. Das Projekt hat den Vorteil, dass es unabhängig ist und sich nicht von der Politik und anderen Institutionen dreinreden lässt.
Hier haben wir Unternehmer mit der Website ein modernes und populäres Instrument in der Hand, mit dem wir viel für Ostbelgien bewegen können. Wenn aus dieser Initiative dann noch eine ganz Reihe von Impulsen für die hiesigen Menschen ausgehen wird, ist das auf jeden Fall eine lobenswerte Sache. Gäbe es sie nicht, man müsste sie erfinden!
 

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

>> Ludwig Henkes: “Wir spielen in der 1. Liga!” - Mehr zu Person und Firma
>> Der AAV, der Arbeitgeber-Verband

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